Review: Sinistro - Semente

Bands, die nicht eindeutig in eine Schublade passen, sind immer spannend. Besonders, wenn eine Kapelle dann so losgelöst von Konventionen und Genre-Schubladen agiert, wie es SINISTRO auf “Semente” tun. Selbst nach mehreren Hördurchläufen, kann ich das Album nicht einem spezifischen Stil zuordnen. Oder gar eine eindeutige Meinung, geschweige denn Empfehlung aussprechen. Das macht “Semente” so unglaublich spannend. Nicht zuletzt, weil die absurde Mischung definitiv polarisiert.

Auf der einen Seite steht tonnenschwerer Doom. Reduziert auf minimalistische, hypnotische, teilweise repetitive Riffs. Zäh, schleppend, mürbend. Und dann bauen SINISTRO ganz locker und selbstverständlich hier einen extrem epischen Part ein, der mit Bläsern und Streichern locker auch einem James Bond Soundtrack gestanden hätte, rutschen im Titeltrack irgendwo zwischen Drum’n Bass und düstersten Ambient um dann direkt im folgenden “Reliquia” plötzlich mit einer fast cheesigen Synthwave-Nummer zu verwundern.

Doch gerade dieser vermeintlich poppige Song entwickelt sich wunderschön. Denn im weiteren Verlauf wendet sich die Atmosphäre um 180°, es wird immer bedrückender, bis dissonante Akkorde am Klavier den Anfang des Liedes gänzlich ad Absurdum führen. Ein befremdlicher Song, was mir aber sehr gut gefällt.

Und so schlagen SINISTRO immer wieder Haken und nehmen obskure Wendungen. Bleiben dabei aber immer stimmig und entwickeln die Songs logisch und schlüssig weiter. Von reduziertem Minimalismus zu überladener Kakophonie, von rein atmosphärischem Post-Rock zu epischem Bombast mit orchestralem Großaufgebot. Dazu ein Gesang, der wirklich überragend ist! Sängerin Patrícia Andrade hat ein weites Spektrum, singt mal verruchter, mal fragil. Haucht einige Momente ganz zart heraus und überrascht dann wieder mit Gesangslinien, die einer Lisa Gerrard nicht unähnlich sind. Dazu gibt es auch den ein oder anderen musikalischen Moment, der dezent an Dead Can Dance erinnert, für mich schlicht ein Traum. Gerade in dieser mannigfaltigen Mischung.

Mit trockenen Riffs, besagter Meisterleistung am Gesang und ungekünstelter Epik, ist “Corpo Presente” ein verdammt guter Kuschelsong. Düster, verrucht, intensiv und einfach nur sexy! Ähnliches kann man auch nur über “Fragmento” sagen, das sich echt geschickt entwickelt und später einen interessanten Aufbau hat, wenn der simple Bass die Führung übernimmt und die Shoegaze-Gitarre eher hintergründig arbeitet. Vom tonnenschweren Outro mit fuzzy Gitarre und hypnotischem Repetitiv ganz zu schweigen.

Immer wieder überrascht “Semente”. Immer wieder nehmen die Songs überraschende Wendungen, bedienen sich aus den gar inkompatibelsten Stilen und bauen alles schlüssig und stimmig zu einem einzigen großen Kunstwerk zusammen. Einige Momente gehen direkt auf, andere wirken befremdlich, verstörend und erschließen sich erst später aus dem Kontext. Dieses intelligente und unkonventionelle Songwriting macht eine eindeutige Empfehlung schwierig. SINISTRO fordern in ihrer direkten Sperrigkeit Aufmerksamkeit und Bereitschaft etwas neues zu entdecken. Wenn man aber einmal hinter diese ungewöhnliche Fassade geblickt hat, eröffnet sich ein superbes Stück Musik.